DEUTSCHLANDS LEITKONFERENZ
FÜR DIE INNOVATIVE ENERGIEWIRTSCHAFT


Zusammenfassung 18. Forum Neue Energiewelt 2017

Das Forum Solarpraxis Neue Energiewelt am 17. und 18.11.2017 weitete auch in diesem Jahr den Blick auf den Energiesektor – jenseits von althergekommenen Sektorengrenzen. Zeitgleich zu den schwierigen (und kurz darauf von der FDP abgebrochenen) Schwampel-Sondierungsgesprächen zeigten Teilnehmer und Referenten des Forums, wie die Energieversorgung der Zukunft bereits heute konkret angegangen wird. Beim CEO-Panel zum Abschluss des ersten Konferenztages wurde klar, dass die Wirtschaft in den Startlöchern steht, die Politik aber hinterher hinkt.

Sondierungsgespräche gingen an globaler Realität vorbei

Karl-Heinz Remmers, Vorstand des Veranstalters Solarpraxis, Neue Energiewelt AG, kommentierte zum Auftakt die globale Entwicklung der Energiewende: „Bei den Erneuerbaren Energien reden wir nicht mehr über einen Nischenmarkt, sondern über einen Wirtschaftszweig, der das Gesicht der Welt nachhaltig auf den Kopf stellen wird“.

Das politische Panel des Forums machte den Zuhörern anschließend deutlich, dass die Realitäten der Neuen Energiewelt in den (zur Zeit des 18. Forums noch laufenden) Jamaika-Sondierungen nicht korrekt abgebildet wurden.

Julia Verlinden (Bündnis 90/Die Grünen) forderte, die verschiedenen Branchen der Erneuerbaren Energien müssten viel enger zusammenarbeiten und eine eigene Stimme finden, um die neuen Gegebenheiten korrekt abzubilden und die Klimaziele zu erreichen.

CEO-Panel: „Mut, 100 Prozent Erneuerbare zu denken“

Um die Frage nach der Gestaltung der kommenden Legislaturperiode ging es auch beim Zusammentreffen der führenden Köpfe von Energieunternehmen. Im CEO-Panel zum Abschluss des ersten Konferenztages sprachen sich die Unternehmenschefs einstimmig für mehr Mut in der Klima- und Energiewendedebatte aus. Allein dem EEG wurden keine weiteren Impulse mehr zugetraut. marktwirtschaftlichen Prinzipien durchsetzen.“

Eva Hauser vom IZES forderte: „Klimaschutz muss eine Staatsaufgabe werden“ – das Geld dafür sei in der Gesellschaft vorhanden.Kontrovers diskutiert wurde das richtige Tempo bei der Sektorenkopplung. Amir Roughani, Gründer und CEO von Vispirion(Foto Mitte): „Mit mehr Sektorenkopplung hätten wir zum jetzigen Zeitpunkt keinen Schritt in die richtige Richtung getan. Momentan haben wir nur deswegen zu viel Strom im Netz, weil wir zwei Systeme parallel fahren. Zunächst müssen wir auf der Produktionsseite Richtung 100% Erneuerbare kommen. Die Sektorenkopplung folgt dann ganz von alleine und die besten Technologien werden sich nach marktwirtschaftlichen Prinzipien durchsetzen.“

ABB AG Vorstand Dr. Martin Schumacher (3.v.re.) stellte fest, dass bereits die bisherige Integration Erneuerbarer Energien die Erwartungen vieler weit übertroffen hätte: „Als ich zu ABB kam, besagten einige Studien, dass maximal fünf Prozent Erneuerbare im Netz möglich wären. Heute sind wir bei rund einem Drittel.“

Claus Wattendrup, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Innovation GmbH (2.v.re.), forderte schließlich die gesammelte Energiebranche dazu auf, groß zu denken: „Wir brauchen 100 oder sogar 200 Gigawatt Photovoltaik, das geht nicht mit dem EEG. Lasst uns 100% Erneuerbare denken und das System dafür schaffen.

Energie-Startups unterstützen Konzerne im Wandel

Gewinner des Energy Start-up Pitches war das Startup Solandeo, dessen Konzept zur Messung und Steuerung von Erneuerbaren Energieanlagen die meisten Stimmen der Jury aus Managern und Unternehmern auf sich vereinen konnte. Abgestimmt wurde mit Bitcoins, die die üblichen Stimmen ersetzten.

CEO-Panel Teilnehmer Claus Wattendrup, GF der Vattenfall Innovation GmbH beschrieb, was sich der Energiekonzern von der Zusammenarbeit mit dem jungen Unternehmen verspricht: „Ein Konzern wie Vattenfall profitiert von der Geschwindigkeit, mit der Startups ihre Ideen vorantreiben. Das koppeln wir gezielt mit den Stärken unseres Unternehmens und können so gemeinsam wirklich Neues auf die Beine stellen.“

Remmers: Wir sind nicht mehr Vorreiter

Karl-Heinz Remmers, CEO Solarpraxis Neue Energiwelt AG, kritisierte, dass Deutschland sich ohne Not habe abhängen lassen. Unser PV-Anteil sei inzwischen so winzig (2 GW von 100 weltweit), dass der Satz: „Was kümmert es uns, wenn in China ein Sack Reis umfällt“, jetzt umgekehrt gelte. Ein Paradebeispiel war für Remmers Siemens-Chef Joe Käser: Der habe ein „radikales Scheitern“ hingelegt – jetzt aber sei die deutsche Energiewende schuld daran – ob es VW auch so ergehen werde? Jedenfalls würden die Chinesen in zehn Jahren das sogenannte „Hornbach-Auto“ bauen – ein E-Fahrzewug für schlappe 9.999 Euro.

Aber alles habe sein Gutes: „Wir sind nicht mehr verantwortlich für die Entwicklung der Erneuerbaren weltweit – jetzt können wir uns wieder auf unser Land besinnen!“ Bei der Speichertechnologie sei der Zug noch lange nicht abgefahren – „bei Solarzellen, bei Wafern sind wir raus, das macht China“, in vielem seien wir inzwischen aber gar zehn Jahre zurück: „Seit wann bauen wir eigentlich E-Motoren für Autos – nicht pilotartig, sondern in Serie…?“ Wir seien noch ganz am Anfang und müssten „endlich aus den Prototypen raus in den Massenmarkt“. Dabei sei das Sinken der Preise noch lange nicht zu Ende: In Mexiko sei eben eine Ausschreibung mit 1,77 Dollar-Cent/kW bezuschlagt worden; Enel habe das niedrigste Angebot abgegeben. „Wetten, dass wir uns der 1-Ct-Grenze nähern? In 2-3 Jahren ist es soweit!“ Wir aber hätten uns „eine Art Fußfessel angelegt“.

Doch Remmers wäre nicht Remmers, hätte er nicht optimistisch geschlossen: „Lasst uns dranbleiben!“ Er forderte endlich eine bessere Zusammenarbeit und Koordinierung der EE-Verbände: „Der BDEW ist halt kein Erneuerbaren-Verein! Wir brauchen einen starken Verband!“ Zu Beginn des Forums hatte er an Kennedys berühmten Satz „jetzt ist es Zeit für ein großes, neues amerikanisches Vorhaben. Ich glaube, diese Nation sollte es sich zum Ziel setzen, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und sicher zur Erde zurückzubringen,“ erinnert – diesen Verweis wiederholte er am Schluss. Aber: Der Systemumbau gehe nur gemeinsam.

Autor: Dr. Gerhard Hoffmann, www.solarify.eu